Im Vorwort zu “Das Antlitz der Dummheit” konstatierte Konrad Josef 1995, dass bei den Inhalten besonders der institutionalisierten Erziehung Einiges grundsätzlich geändert werden müsse, wobei Curriculumkommissionen nichts Neues zu Stande brächten. Als positives Beispiel nennt Josef die in Simbabwe beobachtete Einführung des Schulfaches “education for living”, das (sechsstündig) frei von Planzwängen aktuelle und erziehende Alltagsprobleme behandelt. Hier ist nicht alles bereits vororganisiert, vorstrukturiert, quasi vor- und fremdverantwortet, sind Schülerinnen und Schüler nicht zur Unverantwortung abbestellt, sondern hier ist Raum für spontanes Handeln, für das Reagieren auf Gefühle (und eine diesbezügliche Reflexion). Hier mag spezifisch Gemeinsames gefunden werden.

Nach dem Rechtsphilosophen Gustav Radbruch (1878-1949) müssen Gesetze in zwei Ausnahmefällen nicht befolgt werden, nämlich wenn "der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Grechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht hat, dass das Gesetz als 'unrichtiges Recht' der Gerechtigkeit zu weichen hat [...]" oder "Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewusst verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur 'unrichtiges' Recht, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur. Denn man kann Recht, auch positives Recht, gar nicht anders definieren als eine Ordnung und Satzung, die ihrem Sinne nach bestimmt ist, der Gerechtigkeit zu dienen.

Die Radbruchsche Formel selber hat zwar keine Gesetzeskraft, wurde jedoch von höchstrichterlicher Rechtsprechung aufgegriffen. Sie verhindert dann, dass sich beispielsweise jemand hinter Befehlen versteckt, um sich vor der Verantwortung für das eigene Handeln zu drücken.

 

Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht (1946)

 

       Deutsches Blatt 

       Französisches Blatt

   Ass (Daus)

   Ass

   König

   König

   Ober

   Dame

   Unter (Wenzel)

   Bube

       die Farben        die Farben

   Eichel (Eckern)

   Kreuz

   Grün (Laub, Blatt, Gras)

   Pik

   Rot (Herz)

   Herz

   Schellen (Bollen)

   Karo

In Moskauer Schauprozessen (zur Zeit Stalins) wurde, wenn (keine Beweise und) keine Indizien für eine Verschwörung vorlagen, genau dieses Fehlen der Indizien als Nachweis der Verschwörung und damit als Schuldbeweis gewertet, denn Verschwörungen seien nur dann erfolgreich, wenn sie ihre Spuren verwischen. Das Nichtvorhandensein von Indizien wurde zum Beweis der Schuld.

Im Namen von Vielfalt und Polyphonie werden mit dem Ziel der Desinformation und Verwirrung bzw. Orientierungslosigkeit ganz unterschiedliche Dinge, die unterschieden werden müssten, auf eine Stufe gestellt. Propaganda und Desinformation gehen auf diese Weise als Meinung durch und werden aufgewertet, Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse werden im gleichen Zuge als Meinung abgewertet.

Der Begriff Vielfalt wird von ["alternativen Medien"] auch genutzt, um eigene Lügen als weitere, alternative oder zweite Meinung zu bezeichnen. Denn wenn alle [seriösen, freien] Medien das Gleiche berichten, so die dahinterliegende Idee, geschehe dies nicht etwa aus Gründen der Evidenz, sondern zur Vereinheitlichung der Perspektive. Auf diese Weise wird die einheitliche Beurteilung von Faktenwahrheiten zum Motiv einer Verschwörungsgeschichte der Gleichschaltung.

Verkehrungen in Gegenteil sind eine bewusst gewählte Machtstrategie, die versucht, die eigenen Interessen mit den Werten, Begriffen, Theorien und Strategien Anderer durchzusetzen. Sie sind ein Eingeständnis, dass die eigene Macht nur mit den Überzeugungen der Anderen zu erreichen ist.

 

Genauer nachzulesen in: Verkehrungen ins Gegenteil. Die Subversion als Machttechnik. Sylvia Sasse. Berlin 2023

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