Vom Wert der Musik

Ein Märchen

In einem fernen Land, am Ufer eines klaren Sees, lag die Stadt Nekned. In einer Herberge hatte der Zufall ein paar Menschen zusammengeführt. Vom See her tänzelte eine abendfeuchte Brise. Während der Wirt die Fenster schloss und Brot und Wein brachte, war ein Disput darüber in Gang gekommen, was den Wert von Musik bestimme.

Ein Geldverleiher sagte, Musik sei nur gut, wenn sie Dukaten zum Klingen brächte. Ein Bettler forderte, dass Musik die Herzen der Menschen erweiche, ein Ordensmann in haariger Kutte fand erweichte Herzen wohl gottgefällig, meinte aber, dass Musik überdies das Böse in der Seele ausmerzen müsse und gegen die Anfechtungen des Teufels gefeit machen. Ein Liebespaar dagegen wollte gar die Sinne beflügelt wissen zu mehr Genussfähigkeit und Leidenschaft. Ein grauer Experte bestand auf Traditionstreue und bedingungslose Bewahrung der erhabenen Tongesetze der Altvorderen. Ein Freischärler ließ wiederum nur das Revolutionäre, die alten Gesetze Überwindende in der Musik als Maß für deren Wert gelten. Endlich meldeten sich noch der Wirt und ein Ordnungshüter mit denkwürdigen Erkenntnissen zu Wort. Nach und nach erhitzte man sich derart, dass sich ein erbitterter Streit entspann, welcher schließlich den Feierabend und aller Wohlwollen verzehrte.

Draußen aber, im Wipfel eines Avocadobaumes, sang eine Nachtigall. Im schlichten Glanz ihrer Eigenart wob sie ein silbriges Netz in die staunenden Hände der Nacht; ein Netz aus Stille, Verlockung und Kraft, Raumgefühl, Vergebung und Glück. Die Dunkelheit lauschte mit tausend Ohren. Und als der letzte Ton hinabgetaucht war in die Lautlosigkeit, flüsterte das Ufer zu seinem See: „Wie schön..."

Von Peter Horton

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