Afrikanische Musik

Denken in Patterns

"African musicians think in patterns" - afrikanische Musiker denken in Patterns. Das bedeutet, afrikanische Musikauffassung wird von Gestalten und Formeln bestimmt und nicht, wie in der europäischen Musik, von Takten oder Metren.

Timing in afrikanischer Musik

Ngoma: Musik/Tanz/Trommel/Fest/Tanzveranstaltung/Musikaufführung


Begriffe zum timing in der (traditionellen) afrikanischen Musik

Elementarpulsation

mentale Hintergrundpulsation, zwei- oder dreimal (selten viermal) schneller als der Beat. Weitere Bezeichnungen für Elementarpuls sind Nennwert, kleinste Einheit, fastest pulse, density referent

Beat
durchlaufender, ständig wiederkehrender Grundschlag (Puls) ohne Akzente (also ohne Takteinheiten), der, wie der Elementarpuls, oft nur gedacht wird

Formzahl/Zyklus

Anzahl der Elementarpulse in einem zyklischen Ablauf, Länge des Zyklus in Elementarpulsen. Die häufigste Anzahl von Elementarpulsen in einem Zyklus ist 12, da sie durch ihre Teilbarkeit 6,4,3 und 2 als Bewegungsfaktoren ermöglicht. (siehe Kreuzrhythmik)

Pattern
Muster, Gestalt, Modell, Motiv, Thema, Formel, Phrase, wiederkehrende Einheit. Meist als kombinierter Begriff: rhythm pattern (Rhythmuspattern), time-line pattern (Orientierungsformel - oft die "12er-Formel" beispielsweise einer Glocke")

Kreuzrhythmik
Schwerpunkte von Patterns koinzidieren nicht, sondern kreuzen sich, liegen nebeneinander (eine Art Komplemantärrhythmik). Spieler haben oft einen individuellen Beat anstatt eines gemeinsamen, dann spricht man von Verzahnung (interlocking).

off-beat-Phrasierung
melodische Akzente weg vom Beat, neben dem Beat, allerdings fallen sie wohl mit Elementarpulsen zusammen (außer beim retardierenden oder antizipierenden off-beat)

time-line pattern
Eine Orientierungsformel in Form eines von einem Instrument ständig wiederholten asymmetrischen Patterns, meist rhythmisch komplexe Eintonformeln (oft die 12er-Formel einer Glocke), auf das alle beteiligten Musiker ihr Spiel irgendwie beziehen.
standard pattern:

[ x . x . x x . x . x x . ]
Weitere Zwölfer-Standardformeln:
[ x . x . x . x x . x . x ]
[ x . x . x x . x . x . x ]
(Der Angelpunkt des Patterns und "Eins" eines Beats ist oft nicht gleich seinem Einsatzpunkt.)
Durch die Pausen entsteht neben dem siebenschlägigen Pattern eine fünfschlägige Komplementärformel.

Inhärente Patterns (subjective patterns, inherent rhythms, inherent note patterns)
Patterns, die aus dem Gesamtklang als reines Hörbild entstehen, aber nicht tatsächlich gespielt werden (wie im visuellen Bereich Vexierbilder oder die Wahrnehmung eines Films - statt der Einzelbilder). Der Hörer restrukturiert und umgruppiert die wahrgenommene Musik subjektiv und hört akustische Illusionsgestalten. Inherent Patterns werden bewusst erfunden, erzeugt, komponiert. Das Prinzip der Wiederholung ist für ihr Entstehen unentbehrlich.

Polyrhythmik
In afrikanischer Musik erklingen immer mindestens zwei Rhythmus-Patterns gleichzeitig (sonst innerhalb eines mehrschichtigen Patterns). Afrikanische Musik ist polyrhythmisch.

Korrelationsrhythmus
Mehrere gegensätzliche Rhythmen verbinden sich zu einer Gestalt, die mehr Spannung und Energie entfaltet als die Einzelrhythmen. Aus diesen Interrhythms, Korrelationsrhythmen, entstehen mitunter auch inhärente Patterns.

 

Ligeti zu afrikanischer Musik

Zwei Äußerungen Ligetis zu traditioneller zentralafrikanischer Musik: (Quelle nicht näher bekannt - möglicherweise eine Radiosendung -, inhaltlich jedoch sehr plausibel)

„ … Da ich noch nie zuvor etwas Derartiges gehört hatte, hörte ich die Aufnahme mehrmals und war danach – und bin es immer noch – tief beeindruckt von dieser wunderbaren polyphonen und polyrhythmischen Musik mit ihrer erstaunlichen Komplexität.”

„Zweifellos hat mein Interesse an der Musik mit der Verwandtschaft zwischen ihr und meinem eigenen Denken über den Vorgang des Komponierens zu tun, das heißt, das Schaffen von Strukturen, die zugleich ganz einfach als auch hoch komplex sind. Die formale Einfachheit der afrikanischen Musik südlich der Sahara mit ihrer unveränderten Wiederholung von Perioden gleicher Länge – wie die gleichförmigen Perlen einer Halskette – steht in scharfem Kontrast zu den inneren Strukturen dieser Perioden, was durch die gleichzeitige Überlagerung von unterschiedlichen rhythmischen Mustern einen außergewöhnlichen Grad an Komplexität erzeugt. Durch wiederholtes Hören erschloss sich mir nach und nach die paradoxe Natur dieser Musik. Die von den einzelnen Musikern gespielten Muster unterscheiden sich wesentlich von denen, die durch ihre Kombination entstehen. In der Tat wird das zugrunde liegende Muster des Ensembles selbst gar nicht gespielt und existiert lediglich als Entwurf in der Illusion.”

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