Kunstphilosophie

Schwer etwas zu sagen

In der Kunst ist es schwer etwas zu sagen, was so gut ist wie: nichts zu sagen.

Ludwig Wittgenstein

Die Aura des Kunstwerks

Eine Aussage Walter Benjamins zum Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935)

Die Umstände, in die das Produkt der technischen Reproduktion des Kunstwerks gebracht werden kann, mögen im übrigen den Bestand des Kunstwerks unangetastet lassen - sie entwerten auf alle Fälle sein Hier und Jetzt. Wenn das auch keineswegs vom Kunstwerk allein gilt, sondern entsprechend z. B. von einer Landschaft, die im Film am Beschauer vorbeizieht, so wird durch diesen Vorgang am Gegenstande der Kunst ein empfindlichster Kern berührt, den so verletzbar kein natürlicher hat. Das ist seine Echtheit. Die Echtheit einer Sache ist der Inbegriff alles von Ursprung her an ihr Tradierbaren, von ihrer materiellen Dauer bis zu ihrer geschichtlichen Zeugenschaft. Da die letztere auf der ersteren fundiert ist, so gerät in der Reproduktion, wo die erstere sich den Menschen entzogen hat, auch die letztere: die geschichtliche Zeugenschaft der Sache ins Wanken. Freilich nur diese; was aber dergestalt ins Wanken gerät, das ist die Autorität der Sache. Man kann, was hier ausfällt, im Begriff der Aura zusammenfassen und sagen: was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.

Die Musen haben die Erde verlassen

Aussagen aus dem Brevier des Chaos von Albert Caraco (1919-1971)

Die Musen haben die Erde verlassen, und die schönen Künste sind nun schon etliche Generationen tot, die Betrüger haben freie Bahn, und unglaublichere hat man noch nicht gesehen, aber das traurigste ist, dass die, die sich ihnen widersetzen, uns nichts, nichts als Gemeinplätze bieten. Unsere Städte sind Alpträume, ihre Bewohner beginnen, Termiten zu gleichen, alles, was gebaut wird, ist von einer ungeheuerlichen Häßlichkeit, und wir vermögen keine Tempel, keine Paläste und Grabmäler, weder Triumphplätze noch Amphitheater mehr zu erbauen. Auf Schritt und Tritt wird das Auge beleidigt, das Ohr betäubt und der Geruchssinn zur Verzweiflung getrieben, wir werden uns bald fragen: Wozu die Ordnung? [...] Unsere Sprachen entarten, die schönsten werden häßlich und die allgemeinverständlichsten unklar, die Poesie ist tot, die Prosa hat die Wahl zwischen Wirrheit und Gemeinplatz. Die Künste haben sich vor mehreren Generationen in Nichts aufgelöst, unsere angesehenen Künstler sind lediglich wie maßlose Taschenspieler, die die Zukunft verachten wird. Wir verstehen weder zu bauen, noch zu meißeln, noch zu malen, unsere Musik ist ein Greuel, und darum restaurieren wir die alten Kunstwerke, statt sie zu zerstören, und darum machen wir uns, ein doppeltes Eingeständnis unserer Ohnmacht, zu Bewahrern aller Stile.

Gestimmtheit

Aus: Kurt Hübner. Die zweite Schöpfung. Das Wirkliche in Kunst und Musik.

[...] dass die gesamte Sphäre der Rationalität auf einer anthropologisch tieferen Schicht teils aufruht, teils von ihr umhüllt wird, die selbst nicht mehr rationalisierbar ist. Das in diesem Sinne Nicht-Rationalisierbare ist nicht zu verwechseln mit dem Irrationalen. Irrationalität liegt nur dort vor, wo z. B. in Leidenschaft oder in einem pathologischen Zustand gegen die kognitive Erkenntnis oder unter ihrer Missachtung gehandelt wird. Zum Nicht-Rationalisierbaren degegen gehören nicht nur alle jene Bereiche der Wirklichkeit, die rationalisierbarer Durchdringung widerstehen (das Zufällige, Kontingente, Numinose usw.), sondern dazu gehört eben auch alles das Rationale letztlich Bedingende oder es Begleitende.


Abstraktionsdrang

Aus dem ersten Kapitel von "Abstraktion und Einfühlung" (1908) von Wilhelm Worringer (1881-1965)

[...] Welches sind nun die psychischen Voraussetzungen des Abstraktionsdranges? Wir haben sie im Weltgefühl jener Völker, in ihrem psychischen Verhalten dem Kosmos gegenüber zu suchen. Während der Einfühlungsdrang ein glückliches pantheistisches Vertraulichkeitsverhältnis zwischen dem Menschen und den Außenwelterscheinungen zur Bedingung hat, ist der Abstraktionsdrang die Folge einer großen inneren Beunruhigung des Menschen durch die Erscheinungen der Außenwelt und korrespondiert in religiöser Beziehung mit einer stark transzendentalen Färbung aller Vostellungen. Diesen Zustand möchten wir eine ungeheure geistige Raumscheu nennen. Wenn Tibull sagt: primum in mundo fecit deus timor, so lässt sich dieses selbe Angstgefühl auch als Wurzel des künstlerischen Schaffens annehmen.